Das war schon immer so. Nicht.

Veröffentlicht am 05.08.2013.

Schon mal vom Bicholim-Konflikt gehört? Nein? Das könnte daran liegen, dass es ihn nie gegeben hat. Und dennoch war über fünf Jahre lang in der Wikipedia nachzulesen, dass 1640/41 ein Konflikt zwischen der Kolonialmacht Portugal und dem indischen Maratha-Reich in einer kriegerischen Auseinandersetzung gipfelte. Auch einen Friedensvertrag soll es hernach gegeben haben. Als Hoax aufgeflogen ist der entsprechende Artikel Anfang 2013. Zuvor wurden Informationen daraus aber in zahlreiche andere Nachschlagewerte übernommen. (Quelle).

Ein anderer spektakulärer Hoax steht übrigens (als solcher) immer noch in der Wikipedia: Die Kong-Berge. Diese erdichtete der britische Geograph James Renell 1798 in Material hinein, das er von Mungo Park übernahm. Um seine These über den Verlauf des Nigers zu stützen, zeichnete er eine klitzekleine 1000 Kilometer lange Gebirgskette parallel zum 10. Breitengrad quer durch Afrika ein. Seine These klang glaubhaft und so wurden seine Karten von zahlreichen weiteren Geographen übernommen. Ein derart mächtiges Gebirgsmassiv fand natürlich auch seinen Weg in die Welt der Legenden: Von schneebedeckten Gipfeln und Goldvorkommen war die Rede und auch in Jules Vernes „Robur der Sieger“ (1886) fanden die Kong-Berge Erwähnung.

Man kann sich also vorstellen, wie verwundert der französische Offizier und Afrikaforscher Louis-Gustave Binger schaute, als er am 20. Februar 1888 die Stadt Kong erreichte und feststellte: Keine Kong-Berge. Auch nicht in klein. Und schon gar nicht 1000 Kilometer lang. 90 Jahre hatte dieser Hoax zu diesem Zeitpunkt bereits überlebt. Auch auf der antiken Offline-Skala also leicht länger als die 5 Online-Lenze des Bicholim-Konflikts.

Auch heute stoßen wir alle in unserem (Geschäfts-)Alltag immer wieder auf Kong-Berge. Oft verpackt in ein „Das war schon immer so!“ Manches davon ist Best Practice. Manchmal ist aber auch eine vermeintlich gute Lösung zum schädlichen Selbstläufer geworden. Dies können Gewohnheiten, Regeln, Prozesse oder Werkzeuge sein. Dabei geht es gar nicht um Finger-Pointing. Anders als bei James Renell, glaube ich, dass all die kleinen Alltags-Kong-Berge mit guter Absicht errichtet wurden. Aber auch was sich vermeintlich lang bewährt hat, sollte von Zeit zu Zeit einer neuerlichen Prüfung unterzogen werden. Denn Menschen und Organisationen verändern sich. Bleibt ihre Umwelt dabei starr und unbeweglich, erzeugt dies unweigerlich Frust. Häufig braucht es dafür aber einen Louis-Gustave, also jemandem aus der „Ferne“, der die Legenden zum Einsturz bringt.

In diesem Sinne wünsche ich euch heute ein wachsames Auge und einen verbalen Abbruchbagger!

Tilman Moser

Hejdå! Jag är Tilman Moser.

Ich bin Management Berater in der IT Branche.

Im wahren Leben bin ich Vater, Ehemann, Gewicht reduzierender Freizeit-Sportler, Hobby-Linux-Admin und Programmierer. Ich interessiere mich für Darts, Whiskey und Skandinavien.

Auf dieser Seite schreibe ich Dinge auf, die ich sonst wahrscheinlich wieder vergesse. Manches davon ist vielleicht auch für andere interessant... :-)