Culture Hacking

Veröffentlicht am 06.08.2013.

In meinen Kreisen tauchte in den vergangen Wochen immer wieder der Begriff des „Culture Hacking“ auf, den ich so bislang noch nicht wahrgenommen hatte. Gleichsam wirkte er auf mich eine unglaubliche Anziehungskraft aus und machte mich neugierig. In diesem Artikel möchte ich eine erste Bestandsaufnahme mit euch teilen. Und beginne mit einer Dekonstruktion:

Unter Kultur kann man im weitesten Sinne alles verstehen, was nicht natürlich, also von Menschenhand geschaffen wurde. Dies schließt sowohl materielle (Technologie, Gebäude, landschaftliche Veränderungen) als auch geistige Gebilde (Sprache, Religion, Gesellschaftsordnungen) ein. Dabei unterliegt der Kulturbegriff ebenfalls Veränderungen: Je nach Epoche, Zeitgeist und Herrschaftsanspruch wird er den Gegebenheiten angepasst. Man kann also nicht von der Kultur sprechen, sondern muss Kultur immer im Kontext der Bezugsgruppe betrachten. Jede Gruppe, bzw. Organisation erschafft sich somit eine eigene, nur bedingt nach Außen tragbare Kultur. Im von mir beleuchteten Kontext ist Kultur also nicht etwas konsumierbares, was sich außerhalb unseres Alltags in Museen, Kirchen und Galerien abspielt, sondern steht für die Werte und Normen, die wir innerhalb unserer jeweiligen Gruppenzugehörigkeit Identität stiftend schaffen und mitgestalten (und über Zeit eben auch institutionalisieren und somit über den Gestaltungsfreiraum des einzelnen festigen).

Unter Hacking versteht man die spielerische und erkundende Auseinandersetzung mit einem System, also eine Art einfallsreiche Experimentierfreudigkeit („playful cleverness“) mit einem besonderen Sinn für Kreativität und Originalität („hack value“). Der Beweggrund eines Hackers mit der Geschirrspülmaschine einen Schweinebraten zu garen ist also nicht unbedingt die Abwesenheit eines geeigneten Herdes. Man unterscheidet dabei zwischen sogenannten Whitehats und Blackhats (weiße und schwarze Hüte). Der Blackhat hackt, um sich selbst einen Vorteil zu schaffen, was einen Nachteil für andere implizieren kann. Der Whitehat hingegen strebt danach das System, bzw. den Umgang mit selbigen für alle zu verbessern.

“Cultural Hacking can be understood as infiltration into systems and the changing of their coding. It is a critical, often even subversive game with cultural codes, messages and values.” (Johannes M. Hedinger)

Culture Hacking (bzw. Cultural Hacking) ist also (nach meinem Verständnis) das Eindringen in ein kulturelles System mit der Absicht es durch subtile Veränderungen zu verbessern. Dies kann sowohl durch materielle als auch soziale Änderungen geschehen. Das reicht von einem frischen Wandanstrich, über Topfpflanzen, neuen Arbeitsmaterialien oder die Art und Weise wie man mit herkömmlichen Werkzeugen umgeht, bis hin zu veränderten Prozessen und Kommunikationsverhalten. Ziel ist dabei, die Gemeinschaftskultur, also die geteilten Werte und die Gemeinschaftsidentität, auf eine positive Weise neu zu prägen. Ein Lächeln (oder ein Lob!) darf dabei als ein guter Anfang gelten. Im Sinne des Kaizen-Gedankens (japanisch: Kai = Veränderung, Wandel; Zen = zum Besseren) allerdings auch nur das: ein erster Schritt von vielen. Wichtig erscheint mir dabei, dass diese Veränderungen vom System (hier im Sinne der Gemeinschaft, des Teams, der Organisation) als konstante Verbesserung wahrgenommen werden müssen. Eine Verordnung von oben mit dem Holzhammer wird diesen Effekt sicher nicht erreichen.

Abgrenzen möchte ich das Culture Hacking auch von etablierten Institutionen wie z.B. Retrospektiven (Retrospektiven sind ein Event, das regelmäßig im Scrum Framework durchgeführt werden, um im Sinne des Inspect & Adapt-Gedankens Verbesserungen am Entwicklungsprozess vorzunehmen.). Denn hierzu muss man weder in das System eindringen (agile Entwicklungsteams sind dazu ermächtigt den Prozess ihren Bedürfnissen anzupassen), noch müssen diese Veränderungen eine Verbesserung für die Allgemeinheit darstellen. Im Umkehrschluss steht natürlich die Frage im Raum, ob Culture Hacking grundsätzlich die Abwesenheit von Handlungsermächtigung voraussetzt?

Bildnachweis: CC By Dawn Endico

Tilman Moser

Hejdå! Jag är Tilman Moser.

Ich bin Management Berater in der IT Branche.

Im wahren Leben bin ich Vater, Ehemann, Gewicht reduzierender Freizeit-Sportler, Hobby-Linux-Admin und Programmierer. Ich interessiere mich für Darts, Whiskey und Skandinavien.

Auf dieser Seite schreibe ich Dinge auf, die ich sonst wahrscheinlich wieder vergesse. Manches davon ist vielleicht auch für andere interessant... :-)